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Günther Schaefer ist Mitbegründer der East Side
Gallery und sorgt mit seinem Bild „Vaterland“, das die Symbiose von deutscher
und israelischer Flagge darstellt, seit Jahren für Furore. Es gibt heftige
Ablehnung in Form von Anschlägen auf sein Bild, aber auch immer wieder großen
Zuspruch, wie die Auszeichnung durch Bundespräsident Johannes Rau. Sein humanistisches
Engagement ist unge-brochen. Bereits 42 Anschläge gab es bislang auf sein
Werk. Immer wieder restauriert er es. Er nennt es: „Ein Stück Weltgeschichte,
das sich auf Berliner Boden mani-festiert.“ Darüber hinaus hat er neben vielen anderen Fotoarbeiten die deutsche Geschichte seit der Maueröffnung fotograf-isch dokumentiert |
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Was steckt hinter der Idee Deines Mauerbildes?Es gab
zu Anfang kein Konzept. Das Konzept hat sich erst ergeben oder entwickelt.
Zunächst dachten wir, die East Side Gallery hätte keinen Bestand. Wir waren
vielmehr Teil einer Euphorie. Das Wichtige war, diese Mauer von der Ostseite
bemalen zu dürfen. Letztlich ist die größte Open-Air-Galerie der Welt
entstanden. |
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Was heißt dürfen.
Musstet Ihr Euch eine Genehmigung einholen? Aber
sicherlich. Die ersten Kontakte wurden mit den DDR-Behörden Ende Dezember
1989 aufgenommen. Die Mauer war gerade seit 9. November offen, und es gab
nach wie vor zwei souveräne Staaten. Zu dieser Zeit war von Wiedervereinigung
keine Rede. Hätten wir die Mauer von der Ostseite berührt, hätten wir uns
strafbar gemacht. Also mussten wir eine offizielle Genehmigung vom
Ministerrat der DDR einholen. Wir hatten den Vorteil der totalen Verwirrung
der Behörden in dieser Euphoriezeit,
und das haben wir natürlich weitgehend ausgenutzt. Im Januar 1990 wurde unser
Projekt dann offiziell den Medien vorgestellt. Wir hatten einen Betreuer, den
höchstrangigsten Offizier der DDR-Grenztruppen, der unser Projekt anfangs
betreute, bis es sich dann verselbstständigt hat. |
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Warum glaubst Du wurde diese Genehmigung erteilt?Wir
konnten einen Fauxpas der DDR ausnutzen. Unmittelbar nachdem das erste
Teilstück der Mauer geöffnet worden war, haben DDR-Künstler spontan an diesem
neu eröffneten Grenzübergang die Mauer von der Innenseite mit einem
Friedenzeichen bemalt, und die DDR-Behörden übertünchten diese Arbeit. Ein
Rückfall in die alten Gepflogenheiten von Zensur. Dies löste jedoch ein
weltweites negatives Medienecho aus, sodass die DDR auf Wiedergutmachung
bedacht war. Um die Dinge ein wenig unter den Teppich zu kehren, wollten sie
sich nun in Zukunft generös zeigen was die Mauerbemalung von der Ostseite
angeht. Im März 1990 konnten wir mit unserer Arbeit beginnen. |
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Wie viele Künstler ward ihr zu diesem Zeitpunkt?Sechs.
Mein Bild war das erste fertiggestellte Bild, aus dem die East Side Gallery
entstanden ist. Es wurde fertiggestellt am 18. März 1990. Es ist das vierte
Bild in der Reihe. Ich hatte mir eine Woche lang Gedanken gemacht, wo ich das
Bild platziere. Aufgrund von verkehrstechnischen, fotografischen und
inhaltlichen Gründen habe ich mich genau für diesen Standort entschieden. Wir
dachten die East Side Gallery sei eine Sache auf Zeit und würde den Weg der
Mauer gehen, sprich in die Schreddermühle. Was übrig bleibt, sei die
Dokumentation. Und dass man irgendwann mal sagen kann, dass wir auch an
diesem Monster, der Mauer, ein Kunstwerk hinterlassen haben. Dass sie dann
ein Jahr später unter Denkmalschutz gestellt würde, und dass jeder ein
Denkmal hat, in jungen Jahren schon, konnte niemand ahnen |
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Tragen der Vandalismus,
die vielen Schmiererein und Attacken in gewisser Weise zur politischen
Aussagekraft Deines Bildes bei oder lassen sie auch manchmal Dein Herz
bluten? Nach 14
Jahren entwickelt man eine gewisse Art, wie man mit den Anschlägen umgeht.
Graffitisprayer zum Beispiel werden, obwohl die großen Flächen sehr einladend
sind, das Bild immer respektieren. Die Parolen und Zerstörungen sind fanatisch
motivierte Attacken. Es kommt auch auf meine persönliche Tagesform an oder
was der Inhalt der Attacke ist. Ob’s weh tut oder nicht. Im Grunde genommen
entstand eine Eigendynamik durch die Anschläge im Laufe der Jahre und mir ist
es überhaupt nicht mehr möglich zu sagen: Ich habe keine Lust mehr. Das würde
bedeuten, dass ich in die Knie gehe. Es würde bedeuten, dass der Fanatismus
gesiegt hat. Und es würde meine 14-jährige Arbeit in Frage steilen. Jede
politische oder religiös fanatische Richtung hat sich auf meinem Bild
verewigt, sogar Linke, und etwa 50 Nationen. |
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Die
Eigendynamik, von der ich sprach, meint unter anderem den Wechsel von
nationalen zu internationalen Befindlichkeiten, die anhand der Attacken auf
das Bild sichtbar werden. Aus diesem Grund lasse ich jeden Anschlag eine
Weile stehen, um ein deutliches Zeichen für die Öffentlichkeit zu setzen:
Dieses Bild ist zu einem Spiegel der Befindlichkeiten geworden. Solange es
solche Attacken gibt, solange sind auch solche Bilder notwendig. In dem
Moment, wo das Bild nicht mehr besudelt werden würde, hätte es sich
überflüssig gemacht. Das würde bedeuten, dass wir in idealen Zuständen
existieren, aber daran glaube ich noch lange nicht. Das Gegenteil scheint
sich vielmehr anzukündigen. In den ersten 10 Jahren bis zum Jahr 2000 hatte
ich insgesamt 22 Attacken. In den vergangenen vier Jahren nun kamen 20
weitere Anschläge hinzu. Das ist prozentual ein enormer Anstieg, nicht erst
seit dem 11. September. |
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Du lebst seit 12 Jahren
in Friedrichshain. War es Zufall, dass Du dort gelandet bist? Nein, das war kein
Zufall. Als ich von New York nach Berlin kam, wollte ich Teil dieses neuen
Movements sein. Es war eine Bewegung von West nach Ost entstanden, was das
kreative Potential dieser Stadt anging. Der Mythos Kreuzberg war vergangen
und für Mitte und Prenzlauer Berg war abzusehen, dass dort den Künstlern die
Schickimicki nachziehen würde. Ein Phänomen aller Großstädte. Friedrichshain
war nach der Wende sehr düster. Die Mieten billig, die Lage zentral. Dieser
Bezirk hat von den Sünden des Prenzlauer Bergs gelernt. Zudem ist hier die
Mischung zwischen dem Urbanen und der zwingend notwendigen Modernisierung
gelungen. Es ist eine Galerienszene entstanden, die fast so lebendig ist wie
in Mitte. Eine bestmögliche Mischung zwischen Jung und Alt, Ausländern und
Einheimischen und zwischen Tradition und Modernisierung. Ein idealer
Nährboden für Kreative. |
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Welche Arbeiten sind Dir
neben dem Mauerbild wichtig? Ich dokumentiere Berlin fotografisch
seit der Maueröffnung bis heute. So entstanden regel-rechte Serien. Nach 15
Jahren wird von diesem Langzeitprojekt auch ein Buch erscheinen. Es heißt
„Bilder aus zwei Jahrtausenden“. Du
hast einmal gesagt: Wer s/w fotografiert, muss Farbe bekennen.“ In s/w besteht das Bild
aus der reinen Komposition, aus dem Inhalt. Farbe kann doch sehr viel
kaschieren. s/w ist die Reduktion auf das Wesentliche. Herr Schaefer, ich danke
für das Gespräch! Es war mir eine Ehre und ein besonderes
Vergnügen, Frau Pop. |
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Interview vom 29. Juni 2004Das Bildmaterial wurde freundlichst zur Verfügung gestellt von Günther Schaefer. |
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