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Eröffnungsrede von Michael Nungesser zur Ausstellung Berlin-„Bilder aus zwei Jahrtausenden“ von Günther Schaefer in Potsdam am 12. Mai 2007.

 

„Bilder aus zwei Jahrtausenden“ – der Untertitel von Günther Schaefers  Ausstellung mag auf den ersten Blick irritieren. Weniger der Tatsache wegen, dass die Fotografien kurz vor und nach der Jahrtausendwende entstanden sind denn aufgrund der mit der Formulierung implizierten Bedeutsamkeit. Betrachtet man den Ausgangspunkt des vorgestellten fotografischen Panoramas – sowohl in örtlicher wie zeitlicher Perspektive – gewinnt man jedoch bald die Einsicht, dass hier Außergewöhnliches zur Ansicht kommt, historisch Unwiederbringliches, das man selbst erlebt hat und weiterhin erlebt – und vielleicht deshalb zögerte. Als Zeitgenosse verfügt man nicht über den nötigen Abstand zur Einordnung und Einschätzung. Auch hier ist das so – und doch anders. Ausgangspunkt ist Berlin am 9. November 1989. Günther Schäfer schreibt: „Als 1989 in Berlin die Mauer fiel, war dies der Beginn eines photographischen Langzeitprojekts.“ Der Fall der Mauer war zweifellos etwas Einmaliges. Er beendete die Teilung der Welt in zwei fest gefügte, immer wieder vom Kalten Krieg und mehr bedrohte Blöcke, die nirgendwo deutlicher und brutaler zu Tage trat wie in Berlin. Deutschland war durch eine mörderische Grenze geteilt, und durch seine ehemalige Hauptstadt zog sich die MAUER, scheinbar Stein gewordenes Symbol eines schmerzlichen Status quo, den aufzuheben kaum jemand für möglich gehalten hatte. Doch die friedliche Revolution in der DDR und vom aufrührerischen Geist des Augenblicks einsichtig gewordene Politiker auf beiden Seiten schafften den friedlichen Wandel. Der Fall der Mauer war ein Jahrhundertereignis ebenso wie die Wiedervereinigung Deutschlands. Sieht man den Fall der Mauer stellvertretend für das Ende der sozialistischen Diktaturen war es vielleicht auch ein Jahrtausendereignis.

Berlin im November 1989 zog die Aufmerksamkeit der gesamten Welt auf sich. Tausende von Menschen strömten in den Folgemonaten in die Stadt – als Zeitzeugen, Chronisten, Schaulustige im besten Wortsinne, denn was es dort zu schauen gab, machte Mut, war Anlass zu Freude und Ausgelassenheit – nationalistische Untertöne blieben Randphänomene. Unter den vielen Neugierigen befand sich auch Günther Schaefer. Er  – der gebürtige Franke, der seit Beginn der achtziger Jahren in New York gelebt hatte und Berlin bisher gleichsam nur vom Ansehen her kannte – er fand hier zu seiner Berufung und zu seiner neuen Wahlheimat. Von den damaligen Ereignissen blieb wohl kaum jemand unberührt, und Schaefer schon deshalb nicht, weil er während seiner Kindheit nahe der innerdeutschen Grenze aufgewachsen war. Er kannte die Zerrissenheit einer Familie, deren Mitglieder es dies- und jenseits des Eisernen Vorhanges verschlagen hatte und die sich nur noch zuwinken, aber das Leben nicht mehr miteinander teilen konnten. Schaefer, der nach seiner Ausbildung als Buch- und Offsetdrucker in Frankfurt am Main seit 1977 freiberuflich als Maler und bildender Künstler tätig war, gehörte zu den ersten, die kurze Zeit nach der Öffnung der Mauer ein Wandbild malten, das zu den bekanntesten der East Side Gallery zählt. Wurde die viel und bunt bemalte Westmauer damals täglich von den so genannten „Mauerspechten“ fast bis zum Gerippe hin abgeschlagen, entstand auf einem kleinen Teil der bislang kahl und betongrau gebliebenen Ostmauer ein Wandbildzyklus von Künstlern aus der ganzen Welt. Schaefers Bild verschränkt in utopisch-humanistischer Form die deutsche und die israelische Flagge. Er verweist damit auf die bittere wie auch hoffnungsvolle Koinzidenz der Ereignisse des 9. November: 1938 wurden an diesem Tag in Deutschland Synagogen in Brand gesteckt, gut fünfzig Jahre später in Deutschland am selben Tag ein demokratischer Neuanfang in Gang gesetzt.                       

Schaefer wurde somit zum Mitbegründer der East Side Gallery und ist seit 1996 mit einer kurzen Unterbrechung auch Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Künstlerinitiative East Side Gallery, die sich für deren Erhalt und konservatorische Betreuung einsetzt. Doch Schaefer war zugleich so sehr von dem Geschehen an der Mauer und seinem Echo in der Stadt fasziniert, dass er es regelmäßig mit der Kamera festhielt. Die Entscheidung  zu bleiben, in Berlin zu leben und zu arbeiten, ergab sich folgerichtig wie von selbst – zuerst in Kreuzberg, dann in Friedrichshain – beide inzwischen zu einem Bezirk vereint. Aus der fotografischen Langzeitbeobachtung ist ein stetig wachsendes Archiv geworden, das zurzeit weit über 50.000 Negative enthält – ein Archiv, aus dem sich die jetzige Ausstellung speist ebenso wie das im letzten Jahr erschienene gleichnamige Buch. In unterschiedlicher Auswahl und Anzahl sind die „Bilder aus zwei Jahrtausenden“ schon in verschiedenen Städten und Ländern zu sehen gewesen. Erstmals wurden sie im September 2004 in der Ungarischen Botschaft in Berlin gezeigt, womit auch die besondere Rolle Ungarns für den friedlichen Wandel gewürdigt wurde. Hier nun, an diesem Ort, findet die umfangreichste Präsentation des Projektes statt.

„Wer Schwarzweiß fotografiert, muss Farbe bekennen.“ Mit dieser Aussage bringt Günther Schaefer sein Arbeitprinzip auf den Punkt. Schwarzweiß hat für ihn dokumentarischen Charakter, der Großereignis und Alltag miteinander verbindet. Schwarzweiß verlangt zugleich nach Intensität und bewusster Auswahl von Zeit, Ort, Gegenständen und Perspektive, nach dem symbolischen Gehalt der Szene, nach der einprägsamen Konstellation des Gesehenen in dem für immer fixierten Augenblick des Lichtbildes. Schaefers auf den bestimmten Moment harrende Konzentration, unbeeinflusst von Unbilden des Wetters oder Menschenaufläufen, ist wahrnehmbar, spürbar in der fast denkmalhaften Ruhe der Bilder, die nicht nur in sich absichtsvoll komponiert sind, sondern auch in ihrer Abfolge im Ausstellungsraum oder im Rahmen des Buches mit Bedacht an- und zugeordnet sind, mit Querverweisen, Parallelitäten und Widersprüchen, um das Denken im Sehen und das Sehen im Denken anzuregen. Berlin ist Titel, Berlin ist Thema der Ausstellung. Und doch ist Günther Schaefer kein Berlin-Fotograf im landläufigen Sinne. Nicht Berlin als Stadt, als urbane Metropole ist im Fokus, sondern Berlin als Metapher. Berlin steht für Deutschland. Berlin war und ist Brennpunkt seiner Geschichte. Berlins Mitte kommt deshalb häufig ins Bild, ihre Bauten und Denkmäler, alte, zerfallene, zerstörte, neue – und die Menschen, die diese neue Mitte bevölkern: schauend, ausruhend, feiernd, demonstrierend. Am Anfang stehen die aufgeschlitzte Mauer und der Blick des Grenzsoldaten, einäugig noch, misstrauisch, befangen und augenblickshaft. Achtzehn Jahre später ist die Stadt ein offenes Feld, Schauplatz für neues Leben und neue Kulissen, in das immer wieder die Schatten der Vergangenheit zur Erinnerung und Mahnung ragen – befördert nicht zuletzt durch die fotografische Kunst von Günther Schaefer.

Ausgangspunkt der fotografischen Recherche und Zeitreise ist das Brandenburger Tor. Anfangs erscheinen Mauer und Tor im angeschnittenen Bild noch wie zusammengeschweißt, undurchdringlich, dann strömen die Menschen durch das breit gelagerte und leicht aus der Bildachse gedrehte Tor. Menschen werden auf die niedrige Mauer am Tor gezogen, ein Grenzer lugt von Ost nach West, hinter ihm ragt die im Querschnitt gesehene Mauer offen gen Himmel, ein anderer Posten raucht freundlich lächelnd in dem von Armiereisen bewehrten Mauerloch. Schilder, die die Lebensgefahr an der Mauer signalisierten, und Mahnkreuze der Fluchtopfer kontrastieren mit dem Kunstradfahrer auf der Mauer vor dem nächtlichen Stadtportal, auf dessen Attika in verschwommener Sprühschrift „VIVE LA ANARCHIE“ zu lesen ist. Kein schlechter Spruch für diese Tage der Euphorie, in der selbst nach Einbruch der Dunkelheit das Konzert der Hammerschnäbel weiterging. 

Noch einmal werden wir mit dem Wahnsinn der Teilung konfrontiert, schauen auf den breiten, kahlen Mauerstreifen, der das Zentrum der Stadt durchschnitt. Lesen dann „TRÄUM DIR RAUM FÜR DEINE TRÄUME“, nun aufgeschrieben krakelig auf die Innenseite der Mauer, an der das Mietshaus mit seiner Balkonidylle fast zu kleben scheint. Liegt es hüben, liegt es drüben? – das zählt nicht mehr. Der Trabbi ist für immer eingemottet, und der Blinde mit dem Banner ICH KANN DIE MAUER NIE MEHR SEHEN ist ein Performance-Künstler, der uns verwirrt und zum Schmunzeln bringt.

Eine NEUE ZEIT ist angebrochen. Wir sehen die östliche Hausfassade in der unmittelbaren Nähe des Grenzüberganges Checkpoint Charlie mit der verblichenen Verheißung einer ehemaligen Parteizeitung immer wieder, aus wechselnden Blickwinkeln zusammengesehen mit wechselnden Ereignissen im Flusse der Zeit. Ein GI schlägt ein Stück aus der Mauer. Straßenkinder verkaufen Souvenirs. Riesenplakate drängen sich vor: die neue Zeit heißt jetzt „Höchste Zeit!“ Turbokapitalismus pur. Zeit ist Geld. Das Brandenburger Tor ist mit bedruckten Stoffbahnen zu Werbezwecken verhängt. Das Stadtbild wird vergewaltigt, selbstverständlich aus guten, nämlich Förderzwecken. „(T)RÄUME!“ werden marktschreierisch – gleichsam gestalterisch entlarvend – von Bürovermietern als RÄUME angepriesen, das Feld aus Kreuzen im Vordergrund bleibt stumm. Es ist die vom Senat später geräumte private Gedenkstätte für die Fluchtopfer der DDR-Diktatur am ehemaligen Checkpoint Charlie. Schaefer hatte sich an der Protestaktion gegen die Räumung mit Großfotos beteiligt, die auch hier ausgestellt sind.             

Oft sieht man in seinen Bildern ein Davor und Danach. So den Palast der Republik mit Staatswappen, einmal intakt, einmal mit abmontierten Emblemen; das Ehrenmal an der Transitautobahn – einmal mit Panzer, einmal mit zivilem Räumgerät; das Brandenburger Tor in Schutt und Asche als Bild im Bild – und das Holocaust Mahnmal als Betonwüste, in der selbst lebende Besucher zu Schatten mutieren. Hier Trauer um die Opfer des elften September, dort Proteste gegen Bushs Irakkrieg. Das Bild der Stadt ist so widersprüchlich wie das Transparent WIR WAREN DAS VOLK am ehemaligen Haus des Lehrers, dem ganz klein unten korrespondiert: LUST auf ’ne MILLION? LOTTO ist so einfach. Nein, das neue Leben ist nicht einfach, aber Schaefer bleibt Optimist, sieht die Menschen beim Marathon und in der Love Parade, die Ruhenden unter der Kuppel des Reichstages, die schrill und bunt Kostümierten beim Christopher Street Day und beim Karneval der Kulturen. Die Stadt ist in Bewegung, die Menschen mit ihr. Viele kommen hierher von überall und sie bleiben. Die Stadt lebt!

 

Michael Nungesser (Kunstwissenschaftler)

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