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S.E. Dr. Erik Becker Becker im Gespräch mit Alexander Wolf,   06. April 2002

Das Land der Liebe

 

Venezuela, das sonnige Land im Norden Südamerikas, mit seinen leckeren Früchten und Palmen gesäumten Stränden, erwirtschaftet 80 Prozent seiner Einnahmen aus der Förderung und dem Handel mit Öl. Beschäftigt sind dadurch momentan allerdings nur 2 Prozent der Einwohner - was die Regierung ändern möchte. Auch vor dem Hintergrund, dass diese wertvollen Ressourcen wahrscheinlich nur noch eine Generation lang auszubeuten sein werden, ist ein gesellschaftliches Umdenken nötig. Dass dieser Prozess zumindest bei dem Botschafter der Bolivarischen Republik Venezuela schon begonnen hat, zeigt das Interview mit S.E. Dr. Erik Becker Becker und dem BerlinBotschafter Günther Schäfer, geführt von Alexander Wolf im Hotel Westin Grand.

DasCorps: Exzellenz, Ihr Name klingt in unseren Ohren sehr deutsch, woher kommt er und seine Doppelung?
S.E. Dr. Erik Becker Becker (BB): Meine Vorfahren sind nun in der 6. Generation in Venezuela, kamen aber aus dem Elsass und Sachsen. In Venezuela ist es üblich, den Familiennamen der Eltern zu übernehmen. Da sie zufällig beide Becker hießen, entstand bei mir diese seltsame Doppelung ...

 

DasCorps: Noch mehr Kuriositäten verbinden sich mit der Botschaft Venezuelas in Deutschland. Sie haben Ihren Amtssitz außerhalb der gewohnten Berliner Botschaftsviertel, sogar außerhalb Berlins.
BB: Ja, wir verlassen gern ein wenig die ausgelaufenen Wege. Das Gebäude unserer Botschaft findet man in Potsdam in einer sehr reizvollen Umgebung. Dadurch, dass wir dort fast die einzige Botschaft sind, befinden wir uns in der angenehmen Lage des "Lieblingskindes". Wir haben die volle Unterstützung des Bürgermeisters und aller Behörden erfahren dürfen - wenn bei uns ein Kätzchen nicht mehr vom Baum findet, rückt sicher sofort die ganze Feuerwehr aus, um zu helfen! Spaß beiseite - in Venezuela sagen wir: Es ist besser, der Kopf der Maus, als der Schwanz des Löwen zu sein...

DasCorps: Was weiß man im fernen Venezuela von Deutschland? Ist die Wiedervereinigung dort allgemein bekannt?
BB: Es ist schön, dass Deutschland zusammengewachsen ist. Dies war eine natürliche, notwendige Entwicklung. Ich bin der letzte Botschafter Venezuelas in der DDR gewesen und habe die Veränderung vor Ort miterleben dürfen. Bei uns ist Deutschland sehr bekannt. Zu Hause in Venezuela sagt man immer, wenn man von Deutschland spricht "...dass Land, in dem die Mauer viel". Deutschland hat bei uns Symbolcharakter, der Mauerfall in Berlin hat eine neue Epoche eingeläutet. Endlich ist der Kalte Krieg überwunden, die Gefahr eines Dritten Weltkrieges scheint gebannt!

DasCorps: Der Mauerfall und der Symbolcharakter der Ereignisse seit dem November 1989 führen uns zu dem Mentor dieses Interviews, zum Künstler und Berlin-Botschafter Günther Schäfer. Herr Schäfer, beschreiben Sie bitte den Zuhörern auf radioEINS und den Lesern von DasCorps Ihre Beziehung zum Land und zur Person des Botschafters!
Günther Schäfer (GS): Venezuela muss ein wunderbares Land sein, auch wenn ich bisher nur die Möglichkeit hatte, das kleine Gebiet dieses Staates in Potsdam zu betreten. Doch dort konnte ich in einer ausgesprochen freundlichen, entgegenkommenden Zusammenarbeit mit der Botschaft und auch persönlich mit dem Botschafter meine Ausstellung "Bilder aus einem anderen Jahrtausend" realisieren. Darin wird die nun schon 12-jährige Entwicklung Berlins anhand von Fotoserien dokumentiert, angefangen mit dem "Donnerhall des Mauerfalls", bis hinein in unsere Gegenwart.

DasCorps: Sie sind auch bei der Gestaltung und dem Erhalt der Eastside Gallery aktiv...?
GS: Die East Side Gallery ist die größte Open Air Ausstellung der Welt. Eines der mittlerweile schon fast historischen Kunstwerke stammt auch von mir: Die Verbindung der Israelischen und Deutschen Flaggen als Zeichen zur Völkerverständigung, zur Erinnerung an die gemeinsame Geschichte, die sich auch mit dem Datum des neunten Novembers verbindet. Wie wichtig das Erinnern ist zeigt die Tatsache, dass ich dieses Bild mittlerweile 25 Mal ausbessern musste, da es mit rechtsextremen Symbolen beschmutzt und teilweise beschädigt wurde!

DasCorps: Exzellenz, Ihr Land ist ein Sonnenland, bekannt für gute Laune. Wie geht man vor verführerischer Tropenkulisse mit Problemen um?
BB: Innerhalb einer Generation müssen wir unsere gesamte Wirtschaft umstellen - das Erdöl kann uns nur noch wenige Jahrzehnte ernähren. Deshalb hat unsere Regierung ein Programm gestartet, dass auch innerhalb der Bevölkerung großen Einfluss gewinnt, die... ungefähr: "Öl pflanzen". Gemeint ist damit die schrittweise Umstellung der ölorientierten Wirtschaft zu einem Ausbau der Landwirtschaft. Dies wird sich auch auf den Export von Lebensmitteln Richtung Europa auswirken und uns damit noch näher an Deutschland bringen, wo wir aber schon jetzt gut vertreten sind. Wussten Sie, dass Deutschland nicht nur viele Investitionen in Venezuela macht, sondern wir auch umgekehrt? Beispielsweise, dass Venezuela in Schwedt eine große erdölverarbeitende Fabrik mehrheitlich besitzt?
Doch zurückkommend zu Ihrer Frage nach dem Umgang mit Problemen in Venezuela: Ich glaube wir haben grundsätzlich eine andere Form der Streitkultur in unserem Land. Wenn zum Beispiel zwei Gruppen verschiedene Meinungen haben und diese in Form von Demonstrationen auf die Straße tragen, ist es bei uns nicht nötig, die Polizei einzuschalten. Wer die größte Menschenmenge mobilisieren kann, der hat Recht. Ohne Gewalt auszuüben gibt sich die andere Gruppe damit zufrieden. Das Ganze wird mehr von der sportlichen Perspektive betrachtet, lockerer als anderswo.
Das Volk Venezuelas kann und will mit seiner Mentalität alle Menschen der Welt mit Liebe erfüllen!

Das Interview führte Alexander Wolf für DasCorps und radioEINS.

 06. April 2002

"Die Botschafter" ist DIE Diplomatenshow, jeden Samstag von 21 bis 23 Uhr exklusiv

 

 

 

 

 

S.E. Dr. E. Becker-Becker


Günther Schäfer, Berlin-Botschafter Friedrichshain