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Vorwort des Autors zu: Berlin 1989 – 2012 „Bilder aus zwei Jahrtausenden“

 

"Warum photographieren Sie?" fragte man mich während einer Vernissage. "Weil ich jahrelang als Drucker Millionen schlechter Photos anderer verarbeiten musste, sich währenddessen meine eigene Vision von Photographie entwickelte. Ich konnte nicht mehr anders!" Es war wirklich so. Na ja, beinahe so. "Ist Photographie Kunst?" lautete die nächste, heimtückische Frage. Nun konterte ich mit philosophischeren Mitteln. „Kunst im eigentlichen Sinn existiert gar nicht, nur so genannte Künstler: das sind Masochisten, die zwanghaft bestimmte Dinge tun. Sie können nicht anders und sind manchmal sogar glücklich dabei. Die Gesellschaft hat dann für die Produkte derlei sonderbarer Aktivitäten die Metapher „Kunst“ kreiert. Wird eben diese Gesellschaft einem solchen Zeitgenossen auf Dauer nicht Herr, so hängt sie anstatt ihn seine Bilder auf, z. B. in Museen. Man sieht - es gibt also doch ein Leben nach dem abgeschnittenen Ohr. Aber! Zuerst der Schmerz - dann der Ruhm. Das Produkt absonderlicher, zwanghafter Aktivität, jetzt zum Werk erhoben, kann samt Schöpfer bedenkenlos zur Schau gestellt und einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert werden. Museen sind die zoologischen Gärten unserer Kultur, die Galerien deren Freigehege!" Meine ich dies wirklich so?  Na ja, beinahe, allerdings mit viel Augenzwinkern.

 

Ein Photograph schafft sich seine eigene Realität im Aufspüren jener einzigartigen Perspektive, die nur sein Auge, seine Kamera zu erfassen vermag, um einen flüchtigen Hauch der Zeitgeschichte einzufrieren. Nicht selten inmitten tausender von Zeugen des gleichen Ereignisses mit Abertausenden individuellen Sinneseindrücken. 

Entschließt er sich, den Auslöser zu betätigen, hinterlässt die nie mehr wiederkehrende Zeit ihren Fingerabdruck auf dem Negativ. Entschließt er sich, das Photo zu publizieren, avanciert seine subjektive Realität zur Realität des Betrachters, untrennbar verbunden mit der Zeit, die das Bild festhält. Symbolisch gesehen gehört ihm seine ureigene Wahrnehmung nicht mehr allein, er teilt sie nunmehr mit anderen. Ihren positivsten Niederschlag finden diese Prozesse soweit die Resultate seines Schaffens von Interessen etwaiger Auftraggeber oder Redakteure unbeeinflusst bleiben.

 

- Ist Photographie Kunst? -

 

Das Medium Photographie kann Illusionen zerstören, wie in so manchen „Betonköpfen“, die in verklärter „Nostalgiesüchtelei“ - sogar in diesen Tagen noch - den einst real praktizierten Sozialismus "resozialisiert" sehen möchten.

Das Medium Photographie kann über alle Wellenbewegungen der Geschichte hinweg Hoffnung nähren. So auch in mir, einem "unverbesserlichen" Optimisten, einem jener, die bestimmte Dinge tun müssen ohne anders zu können und manchmal glücklich dabei sind. Im Besonderen, wenn nicht der Künstler zum Thema, sondern das intensive Thema zum Künstler kommt.

"Leben ist: was passiert, während man sich etwas ganz anderes vorgenommen hat." (Henry Miller)

 

Im Folgenden das Konzept zu diesem Photoband, der die letzte Dekade des ausgehenden Jahrtausends und die ersten Jahre des neuen Millenniums behandelt, gereift in siebzehnjährigem Schaffen mit der Kamera auf den mit Geschichte asphaltierten Straßen von Berlin. Als gestalterisches Mittel wurden ausschließlich schwarzweiß Materialien verwendet, eine Reduktion, um ohne jeglichen optischen Störfaktor das inhaltlich Wesentliche auf den Punkt zu bringen. In Schwarzweiß zu arbeiten ist für mich gleichbedeutend mit einem photographischen "Farbe bekennen".

Beginnend in jenen schicksalhaften Tagen im November 1989, als ein Volk, begleitet von einem globalen Donnerhall, seine Mauern überwand, wurde auch ich erfasst vom Euphorie-Strudel der deutsch-deutschen Ereignisse. Dem  Echo  jener  Zeit  mit  all seinen „Nebengeräuschen“ vermag ich mich bis heute nicht zu entziehen. Einen vorläufigen Höhepunkt erfuhr das Projekt 2004. Dem Jahr, in dem sich am 9. November zum fünfzehnten Mal der Tag der Maueröffnung jährte.

An seinem Ausgangspunkt, dem Areal rund um das Brandenburger Tor - jedoch unter völlig veränderten gesellschaftlichen Konstellationen - schließt sich in dem vorliegenden Band der Kreis einer sechszehnjährigen visuellen Odyssee durch die Metropole, die einmal mehr Weltgeschichte schrieb. Dieses Mal endlich eine positive.

Ein photographisches Werk, geschaffen aus einer Hand, erstellt mit nichts außer purer Emotion als Triebfeder, kann und will nicht Anspruch auf dokumentarische Vollständigkeit erheben. Diesen mögen zukünftig andere Publikationen zum Thema erfüllen.

Inhaltlich wechseln Großereignisse mit stillen Themen von nicht minderer Bedeutung, und in der Bildauswahl ergänzen sich philosophische Grundgedanken, ästhetische Blickwinkel, historische Verbindungen sowie politische Aspekte. Über allem jedoch steht der serielle Effekt, nur ermöglicht durch den Fluss der Zeit.

Während der Arbeit an diesem Projekt versank ich immer wieder in "Zeitreisen" im Archiv meiner "subjektiven Realitäten" und stellte dabei mit Erstaunen fest, dass ich nicht mehr derselbe wie in jenen Herbsttagen 1989 war. Die Stadt, das Land, die Welt hatten sich verändert (entwickelt?), die Bilder machten die gesellschaftliche und auch meine ureigene Metamorphose transparenter.

Photos, die damals bereits zum festen Kreis meiner Favoriten zählten, bewegen mich auch heute noch. Jedoch ihre Bedeutung / Deutung hatte sich über die Zeit verschoben. Andere Aufnahmen hingegen, die jahrelang fast unbeachtet ein archivarisches Schattendasein fristeten, avancierten urplötzlich zu Grundsäulen des Gesamtkonzepts.

Durch  kontinuierliches  Dokumentieren  derselben Orte  und  sich  wiederholender  Ereignisse, also  dem  Schaffen  von Serien, in denen der Mensch oder die Spuren, die er hinterlässt, im Mittelpunkt der Bilderwelt stehen, wird es möglich, das in  jedem  innewohnende  Erinnerungspotenzial  mannigfaltig  abzurufen.  Auch  aus  der  Masse  das Individuum, mittels Fokus der Kamera herauszufiltern und in einen Kontext zueinander zu stellen, sind besondere Anliegen des Buchkonzepts.

Die vorliegende photographische Langzeitbeobachtung - eine Synthese aus Kunst, Dokumentation, Journalismus und vor allem purer Freude an der Ausübung dieses spannenden Mediums - ist auch als ein Reflektor von unwiederbringlichem Zeitgeschehen anzusehen. Darüber hinaus möge das Werk auch der Erinnerung an Weltgeschichte dienen und  zu einem regen Dialog im Sinne von Frieden und Völkerverständigung anregen.

Berlin, die einstige Grenze der Welt im Wandel der Zeit, fixiert mit der Kamera an seinen symbolträchtigsten Stätten, die als historische Brennpunkte tief im globalen Bewusstsein verankert sind, geformt aus Licht und Schatten, gleichsam einem "The times they are a changing" in visueller Notenschrift, dem die Zeitgeschichte die Partitur diktierte.

 

- Denkend sehen, sehend denken -­

 

Günther Schaefer

 

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