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Vorwort des Autors zu:
Berlin 1989 – 2007 „Bilder aus zwei Jahrtausenden“ "Warum
photographieren Sie?" fragte man mich während einer Vernissage. "Weil
ich jahrelang als Drucker Millionen schlechter Photos anderer verarbeiten
musste, sich währenddessen meine eigene Vision von Photographie entwickelte.
Ich konnte nicht mehr anders!" Es war wirklich so. Na ja, beinahe so.
"Ist Photographie Kunst?" lautete die nächste, heimtückische Frage.
Nun konterte ich mit philosophischeren Mitteln. „Kunst im eigentlichen
Sinn existiert gar nicht, nur so genannte Künstler: das sind Masochisten, die
zwanghaft bestimmte Dinge tun. Sie können nicht anders und sind manchmal
sogar glücklich dabei. Die Gesellschaft hat dann für die Produkte derlei
sonderbarer Aktivitäten die Metapher „Kunst“ kreiert. Wird eben
diese Gesellschaft einem solchen Zeitgenossen auf Dauer nicht Herr, so hängt
sie anstatt ihn seine Bilder auf, z. B. in Museen.
Man sieht - es gibt also doch ein Leben nach dem abgeschnittenen Ohr. Aber!
Zuerst der Schmerz - dann der Ruhm. Das Produkt absonderlicher, zwanghafter
Aktivität, jetzt zum Werk erhoben, kann samt Schöpfer bedenkenlos zur Schau
gestellt und einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert werden. Museen sind
die zoologischen Gärten unserer Kultur, die Galerien deren Freigehege!"
Meine ich dies wirklich so? Na ja,
beinahe, allerdings mit viel Augenzwinkern. Ein Photograph schafft
sich seine eigene Realität im Aufspüren jener einzigartigen Perspektive, die
nur sein Auge, seine Kamera zu erfassen vermag, um einen flüchtigen Hauch der
Zeitgeschichte einzufrieren. Nicht selten inmitten tausender von Zeugen des
gleichen Ereignisses mit Abertausenden individuellen Sinneseindrücken. Entschließt er sich,
den Auslöser zu betätigen, hinterlässt die nie mehr wiederkehrende Zeit ihren
Fingerabdruck auf dem Negativ. Entschließt er sich, das Photo zu publizieren,
avanciert seine subjektive Realität zur Realität des Betrachters, untrennbar
verbunden mit der Zeit, die das Bild festhält. Symbolisch gesehen gehört ihm
seine ureigene Wahrnehmung nicht mehr allein, er teilt sie nunmehr mit
anderen. Ihren positivsten Niederschlag finden diese Prozesse soweit die
Resultate seines Schaffens von Interessen etwaiger Auftraggeber oder
Redakteure unbeeinflusst bleiben. - Ist Photographie
Kunst? - Das Medium
Photographie kann Illusionen zerstören, wie in so manchen
„Betonköpfen“, die in verklärter „Nostalgiesüchtelei“
- sogar in diesen Tagen noch - den einst real praktizierten Sozialismus
"resozialisiert" sehen möchten. Das Medium
Photographie kann über alle Wellenbewegungen der Geschichte hinweg Hoffnung
nähren. So auch in mir, einem "unverbesserlichen" Optimisten, einem
jener, die bestimmte Dinge tun müssen ohne anders zu können und manchmal
glücklich dabei sind. Im Besonderen, wenn nicht der Künstler zum Thema,
sondern das intensive Thema zum Künstler kommt. "Leben ist: was
passiert, während man sich etwas ganz anderes vorgenommen hat." (Henry
Miller) Im Folgenden das
Konzept zu diesem Photoband, der die letzte Dekade des ausgehenden
Jahrtausends und die ersten Jahre des neuen Millenniums behandelt, gereift in
siebzehnjährigem Schaffen mit der Kamera auf den mit Geschichte asphaltierten
Straßen von Berlin. Als gestalterisches Mittel wurden ausschließlich
schwarzweiß Materialien verwendet, eine Reduktion, um ohne jeglichen
optischen Störfaktor das inhaltlich Wesentliche auf den Punkt zu bringen. In
Schwarzweiß zu arbeiten ist für mich gleichbedeutend mit einem
photographischen "Farbe bekennen". Beginnend in jenen
schicksalhaften Tagen im November 1989, als ein Volk, begleitet von einem
globalen Donnerhall, seine Mauern überwand, wurde auch ich erfasst vom Euphorie-Strudel
der deutsch-deutschen Ereignisse. Dem
Echo jener Zeit
mit all seinen
„Nebengeräuschen“ vermag ich mich bis heute nicht zu entziehen.
Einen vorläufigen Höhepunkt erfuhr das Projekt 2004. Dem Jahr, in dem sich am
9. November zum fünfzehnten Mal der Tag der Maueröffnung jährte. An seinem
Ausgangspunkt, dem Areal rund um das Brandenburger Tor - jedoch unter völlig
veränderten gesellschaftlichen Konstellationen - schließt sich in dem
vorliegenden Band der Kreis einer sechszehnjährigen visuellen Odyssee durch
die Metropole, die einmal mehr Weltgeschichte schrieb. Dieses Mal endlich
eine positive. Ein photographisches
Werk, geschaffen aus einer Hand, erstellt mit nichts außer purer Emotion als
Triebfeder, kann und will nicht Anspruch auf dokumentarische Vollständigkeit
erheben. Diesen mögen zukünftig andere Publikationen zum Thema erfüllen. Inhaltlich wechseln
Großereignisse mit stillen Themen von nicht minderer Bedeutung, und in der
Bildauswahl ergänzen sich philosophische Grundgedanken, ästhetische
Blickwinkel, historische Verbindungen sowie politische Aspekte. Über allem
jedoch steht der serielle Effekt, nur ermöglicht durch den Fluss der Zeit. Während der Arbeit an
diesem Projekt versank ich immer wieder in "Zeitreisen" im Archiv
meiner "subjektiven Realitäten" und stellte dabei mit Erstaunen
fest, dass ich nicht mehr derselbe wie in jenen Herbsttagen 1989 war. Die
Stadt, das Land, die Welt hatten sich verändert (entwickelt?), die Bilder
machten die gesellschaftliche und auch meine ureigene Metamorphose
transparenter. Photos, die damals
bereits zum festen Kreis meiner Favoriten zählten, bewegen mich auch heute
noch. Jedoch ihre Bedeutung / Deutung hatte sich über die Zeit verschoben.
Andere Aufnahmen hingegen, die jahrelang fast unbeachtet ein archivarisches
Schattendasein fristeten, avancierten urplötzlich zu Grundsäulen des
Gesamtkonzepts. Durch kontinuierliches Dokumentieren derselben Orte und
sich wiederholender Ereignisse, also dem
Schaffen von Serien, in denen
der Mensch oder die Spuren, die er hinterlässt, im Mittelpunkt der Bilderwelt
stehen, wird es möglich, das in
jedem innewohnende Erinnerungspotenzial mannigfaltig abzurufen.
Auch aus der
Masse das Individuum, mittels
Fokus der Kamera herauszufiltern und in einen Kontext zueinander zu stellen,
sind besondere Anliegen des Buchkonzepts. Die vorliegende
photographische Langzeitbeobachtung - eine Synthese aus Kunst, Dokumentation,
Journalismus und vor allem purer Freude an der Ausübung dieses spannenden
Mediums - ist auch als ein Reflektor von unwiederbringlichem Zeitgeschehen
anzusehen. Darüber hinaus möge das Werk auch der Erinnerung an Weltgeschichte
dienen und zu einem regen Dialog im
Sinne von Frieden und Völkerverständigung anregen. Berlin, die einstige
Grenze der Welt im Wandel der Zeit, fixiert mit der Kamera an seinen
symbolträchtigsten Stätten, die als historische Brennpunkte tief im globalen
Bewusstsein verankert sind, geformt aus Licht und Schatten, gleichsam einem
"The times they are a changing"
in visueller Notenschrift, dem die Zeitgeschichte die Partitur diktierte. - Denkend sehen, sehend denken - Günther Schaefer |