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Die Fotografie als
Gedächtnisinhalt Zu den
Dokumentarfotos von Günther Schaefer „Berlin 1989 - 2007“ „Bilder aus zwei
Jahrtausenden“ Für den französischen Soziologen Pierre Bourdieu hat die
Photographie die Funktion, Angst zu mindern, die die Vergänglichkeit und
Zeitlichkeit der menschlichen Existenz in uns erwecken. Sie sei ein magischer
Rest für das, was die Zeit zerstört hat. Sie mache uns glauben, wir könnten
uns ihr als zerstörerischer Macht entwinden. Daneben wird das photographische
Bild für den Photographen Günther Schaefer jedoch, aber auch für Bordieu, zu
etwas Positivem: zu Gedächtnishilfe und hier in besonderer Weise zu einem
historisch-dokumentarischen Gedächtnisinhalt. Wer könnte in diesem Sinne auf
sie in seinem Leben verzichten? Die Dokumentarphotographie strebt das Bild, wie der Name
sagt, als Dokument an. Sie ist von der Wichtigkeit von Vorhandenem oder sich
Ereignendem überzeugt. Sie kommt häufig trotz der Existenz der
Farbphotographie bewusst im Raster bzw. Koordinatensystem von Schwarzweiß
daher. Wirklichkeit wird in einer Art dualem, bipolarem Kontrastprogramm dargestellt, das andererseits
zugleich sehr viele Zwischenstufen und damit Zwischentöne kennt. Nicht
notwendig ist es dabei, wie es in der Geschichte der Photographie - z. B. bei
dem Photographen Umbo - Otto Umbehr - geschah, jenes noch weltanschaulich
aufzuladen. Das heißt zu behaupten: das Weiße sei das Gute und das Schwarze
das Schlechte, ja Böse. Es genügt, dieser bipolaren Wirklichkeitsdarstellung
ein analytisches Verhältnis zugrunde zu legen, d. h. mit ihm das Interesse zu
verbinden, die Welt analytisch aufzulösen und erst einmal auf Akte der
Billigung und Missbilligung zu verzichten. Mit dieser Einstellung operiert der Photograph Günther
Schaefer, der sich mit seinen Photos „Berlin - Bilder aus zwei Jahrtausenden“
in die Reihe der Berlinphotographen stellt, die mit Friedrich Ferdinand
Albert Schwartz (1836 - 1906) beginnt und viele Stationen u. a. so erlauchte
Namen wie Heinrich Zille (1858 - 1929), Waldemar Titzenthaler (1868 - 1937),
Willy Römer (1887 - 1979) und Fritz Eschen (1900 - 1964) kennt. Schwartz
übermittelte uns die ältesten photographischen Dokumente Berlins. Günther
Schaefer übermittelt uns die eigentümlichen, merklichen und unmerklichen Veränderungen dieser Stadt seit dem
spektakulären Fall der „Berliner Mauer“. Einerseits Vorgänge im letzten
Jahrzehnt des 20., andererseits solche in den ersten sieben Jahren des 21.
Jahrhunderts; im Wesentlichen Vorgänge in
Stadtmitte. Die Berliner Mauer aber und deren langsame Fragmentierung und
Eliminierung aus dem Gesicht der Stadt, gleichsam ihr Verscheuchen und
Abstreifen einer früheren Belastung ziehen sich wie ein innerer roter Faden
durch seine Bilder, die Jahr für Jahr dies gleichsam demonstrativ und optisch und durchaus auch allegorisch
formulieren. Dies mit zugleich künstlerischem Anspruch, ohne eine Subjektivität
in der Objektivität zu entfalten, die diese verrückt oder gar inszenatorisch
simuliert und entstellt. Das heißt die Bilder bleiben trotz einer subjektiven
Berührung authentisch. Günter Schaefer arbeitet in der Weise, dass er das,
was er dokumentiert, zugleich komponiert, d. h. vorsichtig gestaltet, d. h.
nach Gesichtspunkten von Horizontalen, Vertikalen und Diagonalen, Parallelen
und Staffelungen, Gleichem und Ungleichem, Ganzheiten und Segmenten gliedert
und so insgeheim Symmetrien und hier und da auch Asymmetrien hervorbringt,
die den dargestellten Dingen und Ereignissen eine Art inneren Zusammenhang
oder Kontrast stiften und darüber eine gewisse Stabilität verleihen. Die Photos strahlen, sei es bei
den Mauerbildern, sei es bei den Porträts, eine gewisse Ruhe und Würde aus.
Sie sind Bilder nach einem jahrzehntelang tief sitzenden Schrecken. Träger
einer Entspannung, die noch Reste des politischen Gewaltpotenzials in sich
tragen, das zum Glück keinen explosiven tödlichen Ausgang fand. Es sind aber
keine, im engeren Sinne verstanden, Stimmungsbilder. Dazu ist dieser
subjektive Dokumentarist, der über bloßen Dokumentarismus hinausgeht, in
seiner Formensprache eben viel zu sehr Analytiker, der sich zu Recht leistet,
dem Geschehen durch Entdecken einer vorgegebenen, aber nur eben entdeckten
Architektonik einen inneren Halt zu verleihen und damit dem Bild Festigkeit
und einen Schuss Lust zu geben, ohne den sich seine Tätigkeit nur in bloße
Anstrengung und Arbeit auflöste, ohne von Befriedigung begleitet zu sein. Auch in der Wahl der einhundertzehn Bilder und deren
Anordnung, die scheinbar nur chronologisch verläuft, erweist sich Günter
Schaefer als ein Photograph, der Chronologie und Komposition, Erfahrung
größerer, gesellschaftlicher Ereignisse der nun seit 1990 Gesamtberliner
Geschichte und die Wiederholung desselben Motivs verbindet. So kehrt mehrere
Male das Motiv „Neue Zeit“, Titel der
Zeitung der damaligen, gegenüber der SED unbedeutenden
Ost-CDU auf einer auf Ostberliner Territorium gelegenen Wand als
Werbeinschrift auf. Es wandert durch den Band, so als ob der Photograph und
damit auch der Betrachter wie ein Spaziergänger neugierig darauf ist, was aus
ihr und ihrer Doppeldeutigkeit geworden ist. Aber der Photoband ist trotz aller Schwerkraft der
Mehrheit der Bilder voller Humor: So das Lächeln eines Grenzsoldaten, der das
ihm aufgezwungene Roboterhafte aus seinem Gesicht verloren hat. Die Freude
eines GI auf der Jagd nach einem Mauerstein. Der Rücken von Marx und Engels,
eines in der DDR damals allzu billig geratenen Denkmals. Die Love Parade und
der Karneval der Kulturen. Die Verhüllung des Brandenburger Tores zu
Renovierungszwecken. Immer doppelsinniger Berliner Humor. Und letztendlich die Taube auf dem Gedenkstein mit dem
dreizeiligen Schriftzug in Großbuchstaben „DEM UNBEKANNTEN FLÜCHTLING“ am
Schluss des Bandes. Der Stein dominiert das Bild. Er ist mittig platziert,
trapezförmig, ohne in seinen Konturen geometrischen Gesetzen zu folgen, und
wird von den im Hintergrund links und rechts
erscheinenden beiden Türmen der Oberbaumbrücke sanft flankiert. Unten
angeschnitten ragt er in diesem hochformatigen Bild, dreiviertel der Mitte
des Bildes bestimmend, empor und zwingt den Betrachter zur Aufsicht,
andererseits führt der Blick direkt unterhalb der Hälfte zum Beginn der
Schrift, wird aber gleichzeitig wieder nach oben zu der Besonderheit dieses
Photos gezogen: zu der Taube, deren Füße horizontal genau die Hälfte des
Abstandes zu den beiden Türmen ausmachen, andererseits in der linken Hälfte
der Oberkante des Steines sistiert sind, ein wichtiges kompositorisches
Element. Die Taube, mit dem Körper parallel zum Stein, dreht zu dem
Photographen fast frontal den Kopf. Mit dem Bären und dem Adler auf den
beiden Spitzen der Türme bildet sie gleichsam ein Dreieck und bringt mit
ihnen die Naturseite der menschlichen Existenz ins Spiel, auch wenn Bär und
Adler in Metall verwandelt worden sind. Bildet die Taube, metaphysisch gesprochen, die Wiederkehr
des unbekannten Fluchtopfers? Birgt sie ihn? Oder sitzt sie als
Friedenssymbol da, immer wieder den Frieden anmahnend? Oder ist sie nur ein
Tier, das für einen Augenblick Rast macht in der Unrast, ständig nach
Nahrungsmöglichkeiten Ausschau zu halten? Die Taube wird auffliegen, der
Stein wird bleiben. Dauer und Augenblick fallen für eine Sekunde im Klick des
Photographen zusammen. Dokumentarphotos sind nicht nur durch ihr Motiv
definiert, sondern sie sind auch Form und halten das festgehaltene Ereignis
in einer besonderen Weise zusammen. Es ist hier nicht der Ort, die Bilder im Einzelnen zu
analysieren. Der Betrachter aber sollte sich in jedes einzelne Photo
vertiefen, um die jeweilige Gestaltungsformel von Günther Schaefer zu finden.
Das führte ihn in seinem Sehen und Erkennen weiter. Das Photo würde so zum
dauerhaften Gedächtnisinhalt über entstandene historische Widersprüche dieser
Stadt. Prof. Dr. Olav
Münzberg, Universität der Künste (UdK) Berlin Urheberrecht
/ droit d’auteur / Copyright: Prof. Dr. Olav Münzberg, Wilmersdorfer Str.
106, 10629 Berlin, Phone : 049 / 30 / 324 23 41 , Fax: 31 99 73
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