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Grundgedanken des Autors zu „Vaterland“

 

Bereits vor siebzehn Jahren im März 1990 habe ich inmitten der Euphorie die dieses Land nach der so genannten „Wende“ erfasste mit meinem Mauergemälde "Vaterland" an der Berliner East Side Gallery vor einer möglichen Wiedervereinigung von faschistischem Gedankengut gewarnt.  Schon zu dieser Zeit waren derartige Tendenzen mehr als nur latent spürbar. Wegen meiner in diesem Kunstwerk zum Ausdruck gebrachten Ängste vor aufkeimenden Neo-Faschismus wurde ich zum „weltfremden Spinner“ degradiert, der maßlos übertreibt und seinem Land mit solch einem Pamphlet nur schadet. Die blauäugigen Zukunftsprognosen jener, die mich derart abkanzelten und extrem konträr zu meiner Meinung standen, sind leider nicht eingetroffen, nur allzu gerne hätte ich mich in diesem Falle geirrt. Für diesen Personenkreis war der „Nazi-Kram“ bereits seit fünfzig Jahren Vergangenheit. So musste ich mich jedenfalls belehren lassen. In den folgenden Jahren hingegen wurden meine schlimmsten Befürchtungen, inzwischen nicht nur wegen der gesellschaftlichen Ereignisse hierzulande, sondern auch angesichts politischer Geschehnisse im Ausland,  weit übertroffen.

Persönlich war ich über die Jahre und bis heute an der Berliner East Side Gallery übelsten faschistischen Attacken ausgesetzt.  Mein Mauergemälde, eine Kombination zwischen der deutschen und israelischen Flagge, als Friedenssymbol und Zeichen für Völkerverständigung zu verstehen, wurde in diesen siebzehn Jahren vierundvierzigfach von Fanatikern unterschiedlichster Richtungen gänzlich zerstört oder mit Parolen besudelt. Ebenso oft kehrte ich zurück, um es zu restaurieren.  Auch um in der Öffentlichkeit ein Zeichen zu setzen und vor allem der Jugend ein Beispiel für Widerstand gegen jede Art von ideologischem Fanatismus zu geben.  Titulierungen wie: „Vaterlandsverräter“, „Judensau oder „Flaggenschänder“ waren noch die harmlosesten Beleidigungen. „Sieg Heil“ Rufe aus passierenden Fahrzeugen wurden zur bitteren „Normalität“. In einem Fall war ich sogar genötigt, mich physisch zur Wehr zu setzten.  Auch wurde mir der Hitlergruß mit unverhohlenem Hass entgegengereckt.  Per Telefon erreichten mich anonyme Morddrohungen.

Entschädigt wurde ich jedoch auch mit Hunderten von wohltuenden Begegnungen. Spontane Zustimmung kam von vielen Einheimischen, zufälligen Passanten oder ausländischen Berlin-Besuchern die zielbewusst die East Side Gallery aufsuchten. Ebenso gaben mir viele positive und ergreifende Zuschriften aus aller Welt die Energie, immer wieder diese zehn Meter Berliner Mauer zu bearbeiten. Ein Monument der Deutschen Teilung, durch die Kunst, angebracht an der früher für jedermann mit Tabu belegten Ostseite, nunmehr auch zu einem Symbol für die Überwindung dieser Teilung geworden, entwickelte seine ureigene Dynamik. Es avancierte über die Zeit mit jeder Zerstörung und jeder Wiederherstellung zu einem „Spiegel“ deutscher und internatonaler Befindlichkeiten, in dem sich von Jahr zu Jahr tiefere Spuren von Intoleranz und blindem Hass eingruben. Nach einer gewissen Periode dieser Wechselbäder, einer intensivsten Mixtur aus  Ablehnung und Zuspruch, hielt ich den Pinsel nur noch in der Hand, geführt wurde er alleine von der Zeitgeschichte. Einem blinden Fanatismus bot ich der jeweiligen Situation entsprechend mit gewaltfreiem Aktionismus die Stirn. Wer ist stärker, ihr oder ich, Intoleranz oder die Freiheit? Ein mir jederzeit mögliches „Ich mag nicht mehr“ wäre einem bequemen Kapitulieren, einem „in die Knie gehen“ vor einer braunen Demagogie gleichgekommen und hätte mein bisheriges Schaffen mit Recht in Frage gestellt.  Allen Motivationen voran, die die Triebfeder dieser „Arbeit am Verdorbenen“ ausmachten, steht in erster Linie der konstruktiv und offen geführte Dialog mit der Jugend, er stellt die Basis all meiner Aktivitäten. Diskussionen, ob kritisch oder positiv, doch meist lebendig zukunftsorientiert, machen den eigentlichen Sinn dieses Wirkens aus. Gespräche, die mir zur Gewissheit verhalfen, nicht einer bloßen künstlerischen „Don Quichotterie“ verfallen zu sein. Ungezählt wie häufig Freunde und Kollegen in all den Jahren, obwohl politisch gleichgesinnt, nur ein mitleidiges: „Gib doch endlich auf Junge, es hat keinen Zweck“ mir auf dem Weg zur nächsten Rettungsaktion zuraunten. Ebenso lehrten mich zahlreiche Begegnungen mit jungen Leuten nicht an einen unbedingten Erfolg eines Verbots rechtsradikaler Parteien zu glauben, sondern dass es möglicherweise sinnvoller sein könnte, über die Förderung eines kontinuierlichen Dialogs in den Köpfen der Jugend ein Toleranzklima zu erzeugen, das rechtsradikale Ansichten von selbst verbietet.

 

Die Wurzel allen Übels ist meiner Überzeugung nach in dem Faktum begründet, dass ein Großteil der älteren Generationen, entgegen ihres erzieherischen Auftrags, unsere Jugend in punkto Aufklärung und der damit verbundenen Bewältigung des wohl tiefgreifendsten Negativthemas deutscher Geschichte sich selbst überlässt. Die Gründe hierfür mögen mannigfaltig sein. Persönlich entstamme ich einer deutschen: „Wir-haben-von-nichts-gewußt“ Familie. Diese "Mauer des Schweigens" nötigte mir, in jungen Jahren motiviert durch ein Schlüsselerlebnis, eine mühselige Spurensuche ab, die in der Folge als Ergebnis in der Ur-Version der „Vaterland-Flagge“ mündete. Da mein Beispiel hierzulande Legion ist, darf dies durchaus als Vorwurf verstanden werden, aber auch als Anregung, eigene Aktivitäten in punkto einer Verbesserung dieses bis dato währenden Missstandes zu überdenken. Im Besonderen, angesichts der Tatsache, dass dieser wiedervereinte und wiedererstarkte Staat bereits bis Mitte der Neunziger Jahre dem Trauma eines Rostock, Solingen, Mölln, Hoyersweda sowie der brennenden Synagoge in Lübeck ausgesetzt war. Ein kurzer wütender kollektiver Aufschrei in Form von Lichterketten genügte bei weitem nicht, das Defizit an Geschichtsbewusstsein, unter dem die Jugend unschuldig leidet, zu erhellen. So positiv diese Aktionen auch gemeint waren, so rapide verpuffte ihre Wirkung, verschafften gar noch so manchem Mitverantwortlichen aus der Politik ein internationales Alibi. Man ging wieder zur Tagesordnung über. Es war schließlich nur eine Minderheit ideologisch verirrter die für diese Dramen verantwortlich war. So der damalige Tenor. Die Lichterketten erscheinen aus heutiger Sicht nur noch als bloßes Strohfeuer. Mit Langzeitwirkung gezündelt haben andere, und dieser Brandstiftung sah ein in tatenloser Verantwortungslosigkeit wiedervereintes Volk bequem und selbstgefällig zu. In all diesen Jahren wurde eine große pädagogische Chance vertan, auf die Kinder einzuwirken, die heute als Jugendliche oder junge Erwachsene der Welt die Wiederkehr der „Fratze des hässlichen Deutschen“ beschert. Dieses destruktive Schweigen der großen Mehrheit bestellt bis heute den ideologischen Nährboden für den braunen Flächenbrand, den es endlich zu löschen gilt. Jedwedes Schweigen der älteren Generationen zu Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und Rassismus kommt auch einer Dialogverweigerung gegenüber der Jugend gleich und überlässt gleichsam einer braunen Demagogie unsere Zukunft, öffnet Fanatismus jeglicher Coleur Tür und Tor. Einem Virus, der sich in den Köpfen unserer Jugend im gleichen Maße potenzieren wird, wie die große Masse betreten schweigt.

Nicht nur die Geschichte unseres Volkes hat bewiesen, dass Demokratie das höchste gesellschaftliche Gut ist, das es zu wahren und zu schützen gilt und dies nicht erst seit dem Trauma des 11, September 2001. Dazu gehört jedoch, dass ein jeder Demokratie täglich neu bewusst begreift, lernt und lehrt und die Grenzen der eigenen Dialogfähigkeit kontinuierlich erweitert, ganz besonders dann, wenn es manchmal unbequem wird und sogar weh tut. Möge dieses Werk hierzu einen bescheidenen Beitrag leisten.

 

Günther Schaefer

 

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